Corona braucht Fragen, die wie Küsse schmecken

Diese momentan besondere Zeit der Krise bietet uns die Möglichkeit, unsere gesellschaftliche und wirtschaftliche Zukunft zu überdenken, beispielsweise alte Strukturen zu erneuern, unser Wohlstandsmodell zu hinterfragen, neue Grundprinzipien zu formulieren, Wertesysteme zu verändern oder uns vom Streben nach Effizienz, Profit und Wachstum zu verabschieden. Wir alle können und müssen jetzt entscheiden, in welcher Gesellschaft wir leben wollen und wie? Diese Krise bietet auch jedem einzelnen von uns die Möglichkeit, sich selbst, seinen Umgang mit anderen Menschen und seinen Blick auf die Welt und die eigene Haltung und Lebensführung neu auszurichten. Wir alle und die gesamte Gesellschaft können uns gerade jetzt weiterentwickeln und wachsen. Vorausgesetzt, wir wagen eine neue und doch sich längst ankündigende Zukunft. Fragen sind vielleicht der beste Schlüssel, uns das heute noch Unvorstellbare vorstellbar werden zu lassen.

Das chinesische Schriftzeichen für Krise besteht aus zwei Teilen. Ein Teil steht für Gefahr und der andere Teil für Chance. Eine Krise trägt danach beide Aspekte in sich. Im Griechischen bedeutet das Wort für Krise im Kern Unsicherheit, Wendepunkt, Entscheidung. Beide Bedeutungen zusammen kennzeichnen den Charakter einer Krise treffend. Krisen beinhalten die Chance, daran zu wachsen, sich zu verändern, weiterzuentwickeln und grundlegend zu erneuern. Wenn das gelingt, sprechen wir von Resilienz. Krisen beinhalten aber auch das Risiko ihrer Verschärfung bis hin zum Kollaps, zur Katastrophe. Sie sind Wendepunkte im Leben. Das Ergebnis ist nicht schicksalhaft. Wir haben die Freiheit, uns innerhalb unserer Grenzen für das eine oder das andere zu entscheiden und die dafür nötigen Schritte zu unternehmen. Victor Frankl hat es auf den Punkt gebracht, in dem er sagt: „…Der Mensch aber bestimmt in letzter Instanz über sich selbst. Was innerhalb der Grenzen seiner Möglichkeiten und seiner Umgebung aus ihm wird, muss er selbst erschaffen.“

Vermutlich stehen wir momentan an einem epochalen Wendepunkt, an der nächsten evolutionären Schwelle. Wir werden kreativ, experimentell und innovativ sein müssen, um eine neue und andere Zukunft wachsen und entstehen zu lassen. Eine, die wir vielleicht noch gar nicht oder erst kaum kennen. Unsere Sprache und insbesondere die der Politiker ist aber immer noch geprägt von einem Schlagabtausch der Experten-Statements und dem Wunsch, möglichst schnell wieder zur Normalität zurückkehren zu können. Weitermachen wie vor der Corona-Krise? Wollen wir das? Können wir das überhaupt noch? Die Rückkehr zur alten Normalität halte ich für ausgeschlossen. Ich kann es mir nicht vorstellen und will die einmalige Chance nutzen, Neues mitzugestalten. Ist es nicht sogar wundervoll, teilhaben zu dürfen an der Verwandlung der Welt? Das geht nicht ohne Verluste, Schmerz, Leid, Angst, … Auch das ist Teil gesunder Krisenbewältigung!

Fragen – Schlüssel zum Aufbruch

Begeben wir uns auf eine neue Reise. Gehen wir auf neuen Wegen. Lassen wir uns darauf ein, dass wir das Ziel noch nicht kennen. Aber wie? Mein Vorschlag: Mit klugen Fragen! Fragen sind etwas sehr Wertvolles, um Entwicklung, Verwandlung und Erneuerung anzustoßen. Ganz besonders wichtig sind Fragen, die wir nicht ad hoc beantworten können. Fragen, die uns in die Tiefe unserer Seele führen und uns zwingen nachzudenken. Fragen, die uns vielleicht spüren lassen, dass das, was wir gerade machen, nicht das ist, was uns weiterbringt. Solche Fragen bringen uns wieder in positive Energie und spenden Kraft, weil wir durch sie neue Richtung finden können. Damit verlieren wir Ängste, die uns starr im Alten festhalten und weh tun. Durch Fragen sind wir intrinsisch motiviert und trauen uns, etwas zu wagen, mutig zu sein, Risiken in Kauf zu nehmen und fangen an zu experimentieren und Neues entdecken zu wollen.

Als Coach und psychologische Beraterin sind Fragen mein wichtigstes Werkzeug, um in der Tiefe der Seele meiner Klienten zu „bohren“, damit sie neue Antworten für sich in schwierigen Lebenslagen finden. Rainer Maria Rilke bringt es so zum Ausdruck: „…Wenn man Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein“ und „Man muss Geduld haben gegen das Ungelöste im Herzen und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, …“

Fragen – Mit Leidenschaft in die sich ankündigende Zukunft

Eines meiner Lieblings-Fachbücher von Carmen Kindl-Beilfuß hat den Titel: „Fragen können wie Küsse schmecken“. Wer küsst nicht gerne? Gerade jetzt brauchen wir Fragen, die utopisch erscheinende Visionen in uns wecken und uns aufwühlen und berühren wie ein aufregender Kuss. Fangen wir an, fragen wir, wie es anders gehen kann als bisher. Wo wir Unterschiede machen können. Wie wir – wie nach einem leidenschaftlichen Kuss – mit Mut, Leidenschaft und Lebendigkeit glauben, alles gemeinsam schaffen zu können, ohne uns von bisherigen Vorstellungen begrenzen zu lassen.

Werden wir zu freigeistigen Fantasten und Querdenkern einer noch unbekannten, sich aber längst ankündigenden neuen Zukunft. Machen wir uns das noch Unvorstellbare vorstellbar. Suchen wir nach Erneuerung. Jeder Einzelne für sich, wir gemeinsam für Gesellschaft und Wirtschaft. Anders als vielfach Generationen vor uns, haben wir die einmalige Chance, ohne Gewalt und Krieg kreativ und friedlich einen epochalen Wandel zu gestalten. Nutzen wir sie! Stellen wir neue Fragen, um neue Antworten finden zu können. Verlieben wir uns in das Fragen, damit wir sie wie leidenschaftliche Küsse erleben und süchtig danach werden!

Fragen zu stellen, ist in der momentanen Krise wichtiger denn je!

Fangen wir bei uns selbst damit an. Wie wäre es, wenn wir diese Zeit der Konsum-Abstinenz und Entschleunigung nutzen zum Innehalten, Wahrnehmen, Nachdenken, Zuhören, Abwägen, Fantasieren, … und zum Fragen? Um beispielsweise Antworten auf die Fragen „Was ist wirklich wesentlich?“, „Was für ein Mensch will ich sein?“, „Was ist Lebensqualität?“, „Wofür will ich Verantwortung tragen?“, „Was soll bleiben, wenn ich gehe“ oder „Was ist ein gutes Leben?“ zu suchen und uns überraschen zu lassen, was daraus erwächst.

Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Zukunft überdenken

Schauen wir auch auf unsere Art und Weise miteinander zu leben, zu arbeiten und zu wirtschaften. Auch hier haben wir eine einmalige Chance, unsere gesellschaftliche und wirtschaftliche Zukunft zu überdenken, beispielsweise alte Strukturen zu erneuern, unser Wohlstandsmodell zu hinterfragen, neue Grundprinzipien zu formulieren, Wertesysteme zu verändern oder uns vom Streben nach Effizienz, Profit und Wachstum zu verabschieden. Wir alle können und müssen jetzt entscheiden, in welcher Gesellschaft wir leben wollen und wie? Fragen können dabei neue Türen öffnen.

Wie wäre es, wenn wir Prozesse und Produkte nicht nach Effizienzsteigerungs-Kriterien gestalten, sondern danach, welchen Beitrag sie zum Erhalt des ökologischen Systems und zum Erhalt der Lebensgrundlagen leisten? Was wäre, wenn wir aufhören, Bedürfnisse zu wecken, nur um den Umsatz zu steigern und Dinge zu vermarkten, die niemand wirklich braucht? Wenn wir uns fragen: Wem und wozu nutzt das, was wir herstellen und entwickeln wollen? Wofür wollen wir stehen? Welchen Nutzen für die Gemeinschaft wollen wir schaffen? Was können wir konkret tun, damit unsere Haltung, unser Sinn, unsere Werte für alle, die von unseren Aktivitäten direkt oder indirekt betroffen sind oder irgendein Interesse daran haben, also für Kunden, Mitarbeiter, Partner, Shareholder, … sichtbar und spürbar sind? Woran konkret können sie merken, dass wir umsetzen, was wir uns „auf die Fahnen geschrieben“ haben?

Welche neue Wertigkeit und Bedeutung von Geld können wir möglicherweise erschaffen? So, dass monetärer Erfolg und Geldmaximierung nicht das oberste Ziel unseres Wirtschaftens sind, sondern das Wohl aller, der Erhalt unserer Lebensgrundlagen und der Schutz von Natur und Umwelt? Nur mal angenommen, wir würden Geld auf seine rudimentäre Existenzsicherungsfunktion reduzieren, wie würde sich unser Leben dann verändern? Wenn neben Arbeit zum Gelderwerb auch Tätigkeiten zur Selbstversorgung und Zeiten der Muße einen anerkannten Wert hätten, wie verändert sich dann unsere Gesellschaft und unser Verständnis von Arbeit? Was gewinnen wir, was verlieren wir? Wie verändert sich unsere Lebensqualität, wenn wir sie nicht länger nur mit monetärem Wohlstand verbinden?

Wie können Lebens- und Arbeitskulturen gestaltet werden, die die Ermöglichung von Gesundheit und Lebensqualität zum Ziel haben? Welche neuen Wohn- und Arbeitsformen sind vorstellbar, die Gemeinschaft und Individualität gleichermaßen ermöglichen? Lebens- und Arbeitsräume, die Solidarität anstatt Egoismus fördern? Die Kooperation anstatt Konkurrenz belohnen?

Die Grenzen der Digitalisierung

Wie wäre es, wenn wir anstatt einen Gang im Hamsterrad zuzulegen und so schnell wie möglich ausnahmslos alles zu digitalisieren, fragen: Was davon macht wirklich Sinn und wann und wo brauchen wir stattdessen den engen direkten zwischenmenschlichen Kontakt? Wo sind die Grenzen der Digitalisierung? Wo brauchen wir nach wie vor analoge Elemente in unserem Leben?

Nehmen wir das Beispiel Kunst und Kultur. Die Gänsehaut beispielsweise, die beim Betrachten eines echten Kunstwerkes aufkommen kann, kann nicht beim Betrachten desselben Bildes auf virtueller Basis entstehen. Die tiefen Emotionen, die Live-Musik auslösen kann, können virtuell nicht entstehen. Der persönliche Kontakt und Austausch mit Menschen im Rahmen von kulturellen Aktivitäten ist virtuell nicht ersetzbar. Weshalb trauen wir uns derzeit zu, im Supermarkt Abstand zu halten, im Museum aber nicht?

Betrachten wir auch Digitalisierung in der Weiterbildung. Natürlich können und sollten wir auch auf digitalen Plattformen miteinander lernen und uns weiterbilden. Ob das, was im Verständnis von Wilhelm von Humboldt zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Namen Bildung verdient, digital zu vermitteln ist, wage ich zu bezweifeln. Sein Verständnis ist aus meiner Sicht aktueller denn je. Er definierte Bildung als „die Anregung aller Kräfte des Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit führen.“ Wie können wir dieses Verständnis von Bildung wiederbeleben? Wie können wir lernen, selbstbestimmt und frei zu denken, offen zu sein für Neues, multiperspektivisch zu reflektieren und uns stetig weiterentwickeln zu wollen? Wie können wir Menschen in der Entfaltung ihrer Individualität stärken und gleichzeitig ihren Blick auf das Wir und das Wohl der Gemeinschaft lenken? Aufeinander bezogene Individuation nennen es die Psychologen. Was macht gute Weiter-Bildung aus?

Menschenbildung erwächst aus Erfahrungen mit allen Sinnen und auf Basis von vertrauensvollen Beziehungen. Erst im Spiegel des Anderen erfahren wir uns selbst und die Vielfalt der möglichen anderen Perspektiven. Gleichzeitig brauchen wir die Nähe anderer Menschen, um uns verbunden fühlen zu können und unser Ur-Bedürfnis nach bedingungsloser und von erbrachter Leistung unabhängiger Annahme, Wertschätzung, Beachtung und Liebe befriedigen zu können. Nahe und unmittelbare Beziehungen sind unser Lebenselixier und lassen sich wohl kaum digitalisieren.

Dankbarkeit und Demut

Angenommen, wir würden die Welt einmal mit anderen Augen betrachten. Wie sähe sie aus, wenn es eine Welt wäre, in der es allen Menschen gut ginge? Was würden, was müssten wir anders machen, wenn uns wichtig wäre, dass es allen Menschen gut ginge? Wie könnten konkrete Schritte in Richtung einer solchen Welt schon jetzt aussehen? Was können wir jetzt anders, neu und kreativ tun, um eine für alle Bewohner wohltuende Welt zu erschaffen?

Was verändert sich, wenn wir uns unsere Nichtigkeit für die Welt versuchen vorzustellen und unsere Bedeutungslosigkeit akzeptieren? Wie fühlt sich das an? Was spüren wir bei diesem Gedanken? Wenn wir diese Realität wirklich einmal gedanklich und emotional zulassen, was ist dann wichtig und wesentlich? Welchen neuen Sinn finden wir dann für uns?

Wenn wir unsere Vergänglichkeit annehmen und akzeptieren, dass sie uns täglich ereilen kann, wie verändern sich dann unsere Haltungen und das, was wir für wichtig erachten? Welche Entscheidungen treffen wir im ehrlichen und mutigen Angesicht unseres jederzeit möglichen Endes und welche nicht mehr? Wie verändert sich unser Glaube daran, alles steuern, lenken, planen, verhindern, unter Kontrolle bringen, … zu können? Welche Konsequenzen hat das? Welche Bedeutung bekommen dann Dankbarkeit und Demut. Dankbarkeit und Demut für das Geschenk des Lebens.

Das Menschliche sichtbar werden lassen

Es gäbe noch viele weitere Aspekte, die wir reflektieren und hinterfragen können und sollten. Ich wünsche mir, dass viele Menschen damit beginnen. Es wäre schön, wenn die Krise dadurch der Anfang einer Metamorphose in eine Welt wäre, in der das Menschliche wieder sichtbar werden kann. In der wir uns als natürliches Wesen und Teil des ökologischen Systems begreifen. Eine Welt, in der wir respektvoll mit dem, was uns gegeben ist, umgehen und es bewahren und stärken. Gestalten wir für unsere Nachkommen eine schönere Welt, in der die menschlichen Eigenschaften bedeutsam werden, die aus heutiger Sicht noch wirtschaftlich irrelevant sind.

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